Leilied bei Ungewinster 

von Ernst Jandl

Tschill tschill mein möhliges Krieb 
Draußen schnirrt höhliges Stieb
Draußen schwirrt kreinige Trucht 
Du aber bist meine Jucht
Du aber bist was mich tröhlt 
Dir bin ich immer gefröhlt 
Du bist mein einziges Schnülp 
Du bist mein Holp und mein Hülp
Wenn ich allein lieg im Schnieb 
denk ich an dich mein Krieb

Armes Europa

All überall in Europa machen sich Populisten breit. Rechte bis rechtsradikale Parteien fordern die Demokratien heraus. Sie würden uns gerne zurückbeamen in die 60er Jahre. Da lohnt es sich, alte Erinnerungen hervorzuholen, Erinnerungen an eine Zeit, als es Europa, so wie wir es heute kennen, noch nicht gab. Allzu weit zurückgehen in die Vergangenheit müssen wir dazu allerdings nicht, 50 Jahre genügen.

Wir sind im Jahr 1968 und reisen durch den Kontinent. Flugreisen sind allerdings noch reiner Luxus, also fahren wir InterRail oder Autostopp. Noch ist der Massentourismus unbekannt. Zu den großen Attraktionen kann man einfach hingehen, muss nicht Monate vorher Karten im nicht vorhandenen Internet zu ordern. Auch die Strände sind noch ziemlich leer. Traumhafte Zustände …

Allerdings geraten wir gleich zu Beginn unserer Reise an eine Grenze, die sich nicht einfach überqueren lässt: die zwischen Deutschland und Frankreich. Es gibt eine Grenzstation und Kontrollen. Besonders gerne werden Menschen mit langen Haaren (die trug man damals) und nicht ganz so neuen Autos rausgewinkt.
Weiter im Süden, in Spanien, verlassen wir das demokratische Europa. Hier herrscht Franco. Und gleich nebenan, in Portugal, regiert ebenfalls ein Diktator: Salazar. Und weil wir gerade dabei sind: in Griechenland herrscht zeitgleich eine Militärjunta. Und in der Nachbarschaft, in der Türkei, putscht alle paar Jahre wieder das Militär.
Auf dem Rückweg Richtung Heimat kommen wir dann durch den so genannten Ostblock: etwas liberalere Länder wie Jugoslawien neben knallharten sozialistischen Diktaturen wie der „Leuchtturm des Sozialismus”: Enver Hoxhas Diktatur in Albanien. Und auch mitten durch unser Land läuft der eiserne Vorhang: hunderte Meter breite Todesstreifen mit Stacheldraht, Minenfeldern und Selbstschussanlagen.

Auch das ist Europa am Ende der 60er Jahre. Nicht vergessen sollte man, dass es so viele Währungen gibt wie Nationen. Zum Alltag im Urlaub zählen Umtauschtabellen. Menschen mit Dyskalkulie haben da schlechte Karten. Und Zölle natürlich … fünf Liter Wein darf man aus Frankreich mitbringen und 200 Zigaretten …

Und heute? Wir fahren grenzenlos durch Europa. Wir fliegen, und wenn wir landen, nutzen wir überall den Inländerausgang. Wir zahlen in den meisten Ländern mit Euro. Wir reisen durch demokratische Staaten, auch wenn manche autoritärer werden, sind sie doch noch weit entfernt von den Verhältnissen der 60er Jahre. Und nicht zuletzt: In Europa lebt die dritte Generation, die Krieg nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern kennt.

Trotz dieser Errungenschaften sehen viele nur die berühmte Gurkenkrümmungsverordnung, die übrigens vor 10 Jahren abgeschafft wurde (die Gurken allerdings sind immer noch gerade – sie passen so besser in die Transportkisten).

Der französische Präsident Macron meinte kürzlich vor dem Europaparlament, er wolle nicht zu einer Generation von Schlafwandlern gehören, die ihre eigene Vergangenheit vergessen habe, sondern zu einer Generation, „die fest entschlossen ist, ihre Demokratie zu verteidigen, denn es handelt sich hierbei nicht um ein Wort, das nicht mehr aussagekräftig ist, an das wir uns gewöhnt haben und das uns träge werden lässt. Es ist ein Wort, das Sinn hat, weil ihm die Kämpfe der Vergangenheit eine Bedeutung verleihen.”

Ich meine, wenn wir heute an Europa denken, dann mit Dankbarkeit. Und mit ein wenig Stolz auf das, was in knapp 75 Jahren erreicht wurde.
Europa. Jetzt erst recht!

Eichendorff …

… ist ja so etwas wie der Ortsheilige in Rohrbach. Und sein Gedicht „In einem kühlen Grunde” die Ortshymne. dabei ist es ja ein bisschen depressiv. Und fake news sowieso. Behauptet Eichendorff doch, die schöne Müllerstochter sei schuld, dass das Ringlein zersprungen ist.

Engel auf dem Friedhof im Schnee

Hier ist ein anderes kleines Gedicht von Eichendorff. So schön.

„Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.”

Facebook und Co.
Wir tippen im Dunkeln

facebook auf dem Rückzug. Der Normalzustand sozialer Medien ist heute nicht mehr öffentlich. Es findet ein großer digitaler Rückzug ins Private statt. „Dark Social” – das, was von außen unsichtbar stattfindet, gewinnt an Bedeutung. Eine interessante Kolumne von Sascha Lobo.

Heimat II

Ein interessanter Artikel in der Zeit: Heimat: Die Verlustangst ist real …

Weinbergspfoster im Vorfrühling

Folgen der Trunksucht

von Robert Gernhardt

Seht ihn an, den Texter.
Trinkt er nicht, dann wächst er.
Mißt nur einen halben Meter -
weshalb, das erklär ich später.

Seht ihn an, den Schreiner.
Trinkt er, wird er kleiner.
Schaut, wie flink und frettchenhaft
er an seinem Brettchen schafft.

Seht ihn an, den Hummer.
Trinkt er, wird er dummer.
Hört, wie er durchs Nordmeer keift,
ob ihm wer die Scheren schleift.

Seht sie an, die Meise.
Trinkt sie, baut sie Scheiße.
Da! Grad rauscht ihr drittes Ei
wieder voll am Nest vorbei.

Seht ihn an, den Dichter.
Trinkt er, wird er schlichter.
Ach, schon fällt ihm gar kein Reim
auf das Reimwort „Reim” mehr eim.

 

Heimat I

„Heimat” ist wieder modern. Mich beschäftigt sie schon lange. In meiner Kindheit kam Heimat meist in Verbindung mit dem Wort „Film” vor. Damals gab es im Fernsehen nur zwei Sender und wenig Wiederholungen. Die waren in den Zeitschriften extra markiert. Und Wiederholungen damals – waren gar nicht gut. Wenn es dann doch mal eine gab, dann schimpfte meine Mutter und wünschte sich stattdessen „einen schönen deutschen Heimatfilm”. Und deutsche Heimatfilme waren meistens mit Luis Trenker oder Lieselotte Pulver und spielten vorzugsweise in den Alpen oder in Ungarn.

Später, in meiner Jugend, war „Heimat” durchaus ambivalent besetzt. Die 68er-Bewegung hatte ihre Finger in offene Wunden gelegt und gezeigt, wie stark auch aktive Politiker und Wirtschaftsführer in die Machenschaften der Nazidiktatur verstrickt gewesen waren. Die „Liebe zur Heimat” erschien nicht nur mir in diesem Zusammenhang als konservativ, wenn nicht gar als reaktionär.

Dafür bitte ich um Nachsicht. Man kann sich das Leben damals jetzt eigentlich nicht mehr vorstellen. Vieles, was heute völlig normal ist, war damals verpönt und wurde manchmal sogar strafrechtlich verfolgt. Selbstverständlich bekamen unverheiratete Paare keine Wohnungen und man diskutierte ernsthaft die Frage, ob Frauen Hosen anziehen dürfen.

Und Filme, die heute im Vorabend-Programm laufen, zwischen Werbung für Granufink und Thermacare, hätten zu jener Zeit auf dem Index gestanden ...
Viele Gedanken über diese „Heimat” machten wir uns allerdings damals zugegebenermaßen nicht. Trotzdem habe ich interessanterweise meine Magisterarbeit, die sich mit den Fremden in Deutschland und unserem Umgang mit ihnen beschäftigte, mit einem Zitat des Ludwigshafener Philosophen Ernst Bloch beendet. Bloch, Vordenker der 68er, schrieb in seinem Prinzip Hoffnung, im US-amerikanischen Exil:

„Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende …
Hat der Mensch … das Seine … in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas,
das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.”

„Heimat” ist hier etwas durchaus Positives, das allerdings nicht wirklich existiert, jedenfalls nicht im Hier und Jetzt, sondern eine Sehnsucht ist, eine Art säkulares Himmelreich.

Ein Aufkleber der  Indentitären

Wem gehört die Heimat?

Die Weinberge meiner Heimat sind sanft und schön. Doch auch vor dieser Idylle macht das aktuelle Unbehagen an der Politik nicht halt. Immer wieder verunzierten Aufkleber der sogenannten Identitären Bewegung Zaunpfosten. „Merkel muss weg“ heißt es da, „Schluss mit dem Asylwahn“ und „Heimatliebe ist kein Verbrechen“. Diese Aufkleber ärgern mich. Nicht nur, weil sie von einer Gruppierung stammen, die als rechtsradikal vom Verfassungsschutz beobachtet wird, sondern vor allem, weil sich hier Leute anmaßen zu bestimmen, was und für wen Heimat ist.

Die Folge der gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten ist, dass heute niemand mehr einfach in Heimat hineingeboren wird, man muss sie sich erarbeiten – derjenige, der Heimat sucht genauso wie jene, die Heimat sein möchten. Diana Kinnert, die mit 25 Jahren bereits das Berliner Büro von Peter Hintze leitete, meinte: „Heimat entsteht nicht durch Geburt. Sie entsteht nicht in Abgrenzung zu etwas … Heimat ist Verbundenheit in Freiheit. Heimat meint Verantwortung, Anteilnahme, Mitwirkung.” Dass man sich heute Heimat erarbeiten muss, ist also nicht nur ein Nachteil. Es heißt auch, dass man sie sich erarbeiten kann.

„Heimat ist Tiefe, nicht Enge”, sagte der Hanns Koren, ehemaliger Kulturpolitiker und Nationalratsabgeordneter der ÖVP und steirischer Landtagspräsident.